Warum eine funktionale Handschrift wichtiger ist als Schönschrift

Bei der Handschrift geht es nicht darum, ein möglichst schönes Schriftbild zu produzieren.
Und es geht auch nicht darum, die Schrift, die ein Kind in der Grundschule lernt, ein Leben lang beizubehalten.

Es geht um etwas viel Wichtigeres:
Das Schreiben muss funktionieren.

Die Handschrift ist ein Werkzeug – und dieses Werkzeug sollte dem Kind genau jetzt, im Rechtschreib-Lernprozess, helfen statt hindern.
Eine funktionale Handschrift ist flüssig, lesbar und entspannt.
Sie lässt dem Kopf genug Raum zum Denken, Formulieren und Rechtschreiben.

Gerade bei Kindern mit LRS, Legasthenie oder einer isolierten Rechtschreibschwäche zeigt sich immer wieder, wie wichtig diese Entlastung ist. Wenn das Schreiben selbst schon anstrengend ist, verschärft sich der Rechtschreibprozess unnötig – und Fehler, die eigentlich aus Unsicherheit entstehen, wirken plötzlich wie „Unwissen“.

Diese Erkenntnis begegnet mir in Gesprächen mit Eltern immer wieder.


Ein typisches Beispiel aus meiner Praxis

Kürzlich erzählte mir eine Mutter voller Stolz:
„Meine Tochter kann sooo schön schreiben! Die schreibt dann ganz langsam, richtig ordentlich, damit das alles auch schön aussieht. Das kann sie! So toll!“

Schöne Schrift ist natürlich grundsätzlich etwas Positives.
Gleichzeitig zeigte die Tochter deutliche Schwierigkeiten in der Rechtschreibung und machte viele Fehler im Diktat – etwas, das häufig übersehen wird, wenn der Fokus zu sehr auf dem Schriftbild liegt.

In solchen Momenten wird klar, wie wenig Eltern über den Zusammenhang zwischen Handschrift, Schreibtempo und Rechtschreibung wissen – und wie sehr sich ein genauer Blick auf das Schreiben lohnt.


Was Handschrift und Rechtschreibung miteinander zu tun haben

Viele Kinder schreiben heute entweder zu langsam, zu schnell oder zu kontrolliert.
Alle drei Varianten belasten das Arbeitsgedächtnis – und genau dort sitzt die Rechtschreibkontrolle.

Besonders Kinder mit Legasthenie oder einer LRS geraten dann schnell an ihre Grenzen. Die eigentliche Rechtschreibschwierigkeit wird durch einen zusätzlichen grafomotorischen Aufwand verstärkt, sodass viele Fehler entstehen, die nicht zwingend etwas über das sprachliche Wissen aussagen.

Flüssiges Schreiben bedeutet:

  • Das Schreiben läuft automatisch.

  • Die Hand führt Bewegungen ohne große bewusste Steuerung aus.

  • Buchstaben müssen nicht „gemalt“ werden.

  • Der Kopf bleibt frei für Sprache.

Wenn die motorische Ebene nicht automatisiert ist, übernimmt sie den größten Teil der Aufmerksamkeit.
Für Rechtschreibung bleibt dann schlicht keine Kapazität übrig.

Gerade bei einer isolierten Rechtschreibschwäche kann die Handschrift ein versteckter Verstärker sein: Das Kind denkt eigentlich richtig, aber der motorische Aufwand bringt es immer wieder aus dem Tritt.


Zwei Gruppen sehe ich besonders häufig

1. Kinder, die die vereinfachte Ausgangsschrift (VA) schreiben

Viele dieser Kinder investieren sehr viel Mühe, damit die Schrift perfekt aussieht.
Jede Buchstabenform wird kontrolliert, jede Verbindung bewusst an der Mittellinie angesetzt.

Das Ergebnis:

  • Die Schrift ist ordentlich.

  • Aber das Tempo ist so langsam, dass das Denken ausgebremst wird.

  • Die Rechtschreibung leidet, weil das Arbeitsgedächtnis mit Schönschrift beschäftigt ist.

Für Kinder mit LRS oder Legasthenie bedeutet das oft:
Je langsamer die Schrift, desto mehr Fehler entstehen – nicht, weil sie die Regeln nicht kennen, sondern weil das Schreiben selbst zu viel Energie verbraucht.


2. Kinder, die die Druckschrift gelernt haben

Druckschrift hat Vorteile, führt aber bei vielen Kindern zu einem anderen Problem:
Sie orientieren sich sehr stark an den Modellbuchstaben und malen diese nach.

  • Ein Strich – Pause.

  • Nächster Strich – Pause.

  • Bogen – Pause.

Die Schrift ist sauber, aber der Schreibfluss bleibt komplett auf der Strecke.

Und wenn die Schreibbewegung nicht automatisiert ist, übernimmt sie das gesamte Arbeitsgedächtnis – und für Rechtschreibung bleibt keine Energie übrig.
Das führt bei vielen Kindern mit isolierter Rechtschreibschwäche oder vielen Fehlern im Diktat dazu, dass ihre schriftlichen Leistungen deutlich schlechter aussehen, als es ihr sprachliches Können eigentlich zulässt.


Warum der Schreibfluss so entscheidend ist

Schreiben ist immer ein Doppelprozess aus:

🖐 Motorik
+
🧠 Sprache

Um Wörter richtig zu schreiben, braucht das Kind freie Denk-Kapazität.
Sobald die Hand zu viel Aufmerksamkeit verlangt, rutscht die Orthografie in den Hintergrund.

Das gilt besonders für Kinder mit Legasthenie oder LRS, bei denen das Arbeitsgedächtnis ohnehin stärker gefordert ist. Wenn dann auch noch das Schreiben selbst anstrengend ist, entstehen schnell viele Fehler im Diktat, die gar nichts mit mangelnder Intelligenz oder fehlendem Bemühen zu tun haben.

Deshalb machen Kinder, die sehr ordentlich schreiben wollen, häufig viele Rechtschreibfehler – nicht, weil sie unkonzentriert sind, sondern weil das Schreiben selbst ihr Denken blockiert.


Was Kinder wirklich brauchen

Eine Handschrift, die funktioniert:

  • flüssig

  • lesbar

  • entspannt

  • automatisiert

Eine funktionale Handschrift entlastet das Arbeitsgedächtnis – und genau das ist für Kinder mit Legasthenie, LRS und isolierten Rechtschreibschwächen entscheidend.
Je weniger Energie die Hand verbraucht, desto mehr bleibt für das Denken und für die richtige Anwendung von Rechtschreibregeln.


Fazit

Die Handschrift wird oft unterschätzt – dabei ist sie ein wichtiger Baustein im Rechtschreib-Lernprozess.
Egal ob zu langsam, zu schnell oder zu verwuschelt:
Alles, was den Schreibfluss stört, stört auch die Rechtschreibung.

Gerade Kinder, die viele Fehler im Diktat machen, profitieren enorm davon, wenn ihr Schreibtempo und ihre Schreibbewegungen genauer angeschaut werden.
Nicht immer liegt die Ursache ausschließlich im Bereich der Rechtschreibung. Manchmal ist es die Handschrift, die alles andere blockiert.

Kinder brauchen eine Handschrift, die funktioniert:
flüssig, lesbar, entspannt und automatisiert.
Dann ist im Kopf wieder Platz fürs richtige Schreiben.
😉✨

2 Kommentare zu „Warum eine funktionale Handschrift wichtiger ist als Schönschrift“

  1. Mit der Vernachlässigung der Handschrift hat man den Kindern einen Bärendienst erwiesen. Man wollte es ihnen leichter machen, weniger Übungszwang erzeugen. Dadurch entstehen aber genau die in diesem Blog beschriebenen Probleme. Nur eine Anmerkung: Eine flüssige und leicht lesbare Handschrift ist meist auch (relativ) schön. Warum: Weil man eine leichte, flüssige, entspannte und automatisierte Handschrift nur durch viel Übung erreicht. Und noch eins obendrauf: In meiner Schulzeit haben wir – das habe ich neulich bei Miriam Stiehler gelesen, neunmal so viel geschrieben wie die Kinder heute. Ich habe noch ein Heft mit einem Aufsatz vom Anfang der 3. Klasse. Der Aufsatz hatte knapp 200 Wörter, 5 Fehler, davon zweimal den gleichen. Die Lehrerin schrieb darunter: Noch einmal fehlerfrei abschreiben!

    1. Vielen Dank für deinen wertvollen Kommentar, lieber Siegbert. Ich kann dir in jedem einzelnen Punkt nur vollständig zustimmen.
      Gerade die von dir beschriebene Entwicklung erlebe ich heute täglich. Viele Kinder kommen bereits nach wenigen Sätzen an ihre Grenzen, weil ihnen die Hand weh tut oder sie schlicht nicht länger schreiben können.
      Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Handschrift weder flüssig noch automatisiert ist und die Schreibmotorik einen erheblichen Teil der kognitiven Kapazität beansprucht. Dieses Zusammenspiel aus Anstrengung, Verkrampfung und fehlender Übung führt dann genau zu dieser Problematik: „Hamsterrad-Effekt“. Die Schrift ist mühsam – dadurch wird sie gemieden – dadurch wird sie nicht geübt – dadurch bleibt sie mühsam.

      Eine leichte, entspannte und funktionale Handschrift erreichen die Kinder, wie du es richtig schreibst, nur durch viel Übung und einen klaren Fokus auf Schreibfluss. Genau, die Schrift wird in den meisten Fällen dann gleich mit besser.

      Deine Beobachtung aus der früheren Schulpraxis bestätigt genau das: Wenn Kinder viel schreiben, regelmäßig schreiben und dabei eine bewegungsgünstige Schreibweise entwickeln dürfen, profitieren sie langfristig in allen schriftsprachlichen Bereichen davon.

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