Haben wir als Eltern etwas falsch gemacht? Legasthenie und Schuldgefühle

Lesedauer: ca. 3 Minuten

Fast jedes Erstgespräch in meiner Praxis kommt irgendwann an denselben Punkt – auch wenn die Frage oft erst nach einigem Zögern kommt: „Haben wir etwas falsch gemacht?“

Gerade jetzt, zum Schulstart, taucht sie bei vielen Eltern besonders oft auf. Ein neues Schuljahr beginnt, und mit ihm die alte Sorge: Wird es dieses Jahr besser? Oder war doch irgendetwas bei uns zuhause nicht richtig?

Warum ich diese Frage immer zuerst kläre

Bevor es um Fördermaterial, Übungspläne oder die nächsten Schritte geht, kläre ich im Erstgespräch fast immer zuerst genau diese Frage. Nicht, weil sie besonders kompliziert wäre. Sondern weil Schuldgefühle das ganze weitere Gespräch blockieren können. Wer innerlich noch damit beschäftigt ist, ob er etwas falsch gemacht hat, hört von allem, was danach kommt, nur die Hälfte.

Die Fragen, die Eltern sich stellen – und die sie sich nicht stellen müssten

Die Zweifel klingen fast immer ähnlich. Haben wir die Hausaufgaben falsch begleitet? Hätten wir mehr üben sollen? Es gibt doch so viele gute Arbeitshefte im Handel – hätten wir mehr davon kaufen sollen?

Legasthenie ist keine Frage von zu wenig Übungsheften

Die klare Antwort auf all diese Fragen: Nein. Legasthenie entsteht nicht durch falsche Förderung, nicht durch zu wenig Vorlesen, nicht durch die falsche Anzahl an Arbeitsheften im Regal. Legasthenie hat eine neurobiologische Grundlage – das Gehirn verarbeitet Sprache und Schrift auf eine andere Weise. Das war so, lange bevor Ihr Kind je einen Stift in die Hand genommen hat.

Als Elternteil handelt man immer nach bestem Wissen und Gewissen. Mehr kann niemand verlangen. Das gilt hier ganz besonders.

Ruhiger Gesprächsraum mit rundem Tisch und Stühlen in der Lerntherapie-Praxis, Ort für Elterngespräche
Hier finden die Gespräche statt, in denen genau diese Frage oft zur Sprache kommt.

Wenn Eltern selbst betroffen waren: ein Satz, den ich anders formulieren würde

Manchmal kommt noch eine zweite, schwerere Frage dazu. Ein Elternteil hatte selbst Schwierigkeiten beim Lesen oder Schreiben – und macht sich deswegen Vorwürfe, dem Kind das „vererbt“ zu haben.

Auch hier die klare Antwort: Sie sind nicht schuld. Legasthenie tritt familiär gehäuft auf. Das ist Biologie, keine Verantwortung.

Eine Sache möchte ich an dieser Stelle trotzdem ansprechen, weil sie mir in der Praxis wichtig geworden ist. Wenn Sie selbst ähnliche Schwierigkeiten hatten, ist es naheliegend, dem Kind sagen zu wollen: „Mach dir nichts draus, ich war in Mathe oder Deutsch auch nicht die Beste.“ Gut gemeint.

Sieht aus wie Trost. Ist aber oft eine Einladung, gar nicht erst gegen die Schwierigkeit anzukämpfen.

Das Kind hört aus diesem Satz oft etwas anderes heraus, als gemeint war: dass diese Schwierigkeit einfach dazugehört. Nicht etwas, was sich ändern lässt – etwas, was man hat.

Es geht dabei nicht darum, die eigene Geschichte zu verschweigen. Und es geht auch nicht darum, sie herunterzuspielen. Es geht darum, sie anders zu erzählen: „Mir ist das früher auch schwergefallen – und ich hab gelernt, gut damit umzugehen.“ Der Unterschied ist klein. Aber er entscheidet mit darüber, ob ein Kind eine Schwäche als Schicksal erlebt oder als etwas, an dem sich arbeiten lässt.

Was Sie tatsächlich beeinflussen können

Es gibt trotzdem etwas, das im Einflussbereich der Eltern liegt – auch wenn es die Legasthenie selbst nicht verhindert. Das ist die emotionale Atmosphäre rund ums Lesen und Schreiben. Wer sein Kind in einer entspannten Umgebung ans Lesen herangeführt hat, gemeinsam Bücher angeschaut, ohne Druck vorgelesen hat, hat etwas Gutes getan. Nicht, weil das eine Legasthenie verhindert. Sondern weil es die Grundlage dafür legt, wie ein Kind später mit der eigenen Schwierigkeit umgeht: mit Neugier oder mit Angst.

Das ist genau die Stelle, an der Ihr Einfluss wirklich beginnt. Nicht bei der Frage, ob die Legasthenie entsteht. Sondern bei der Frage, wie Ihr Kind lernt, damit umzugehen.

Keine Schuldfrage. Ein guter Moment.

Was wirklich weiterhilft, ist nicht die Suche nach einem Fehler in der Vergangenheit. Sondern der Blick nach vorn: Was kann Ihr Kind jetzt bekommen, um mit seiner eigenen Art zu lernen gut zurechtzukommen?

Gerade zum Schulstart ist das ein guter Moment für genau diesen Gedanken. Nicht die alte Sorge von Neuem durchgehen. Sondern einmal neu hinschauen – ohne Rückblick, ohne Schuldfrage. Nur mit dem Blick nach vorn.

Sabrina Schock - Lerntherapeutin

Über die Autorin:

Sabrina Schock ist Lerntherapeutin in der Vulkaneifel und begleitet seit 2018 Kinder mit Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwierigkeiten.
Ihr Schwerpunkt liegt auf LRS, Legasthenie und Dyskalkulie sowie dem Verständnis der zugrunde liegenden Lernprozesse.

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