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Warum sich Legasthenie so oft wie Unaufmerksamkeit anfühlt – und was wirklich dahintersteckt
Das Kind sitzt seit zwanzig Minuten am Tisch. Ein Satz steht auf dem Blatt. Es schaut hin, schaut weg, kratzt sich, schaut wieder hin. Nichts passiert.
Was denken Eltern in diesem Moment? Fast immer: Konzentration. Oder Motivation. Oder beides. Und deshalb folgt die Ermahnung, der Druck, die dritte Nachfrage: „Jetzt konzentrier dich doch mal an.“
Was dabei übersehen wird: Das Kind strengt sich längst an. Es gibt nur nichts her.
Erschöpfung, die wie Trägheit aussieht
Legasthenie ist keine Aufmerksamkeitsstörung. Aber sie sieht aus wie eine – genau dann, wenn das Kind liest oder schreibt. Was wie Desinteresse wirkt, ist in den meisten Fällen schlichte Erschöpfung.
Ein Kind mit Legasthenie muss für das, was anderen automatisch gelingt, erheblich mehr kognitive Energie aufwenden: Buchstaben entziffern, Laute zusammensetzen, Wörter erkennen. All das passiert nicht automatisch, sondern mühsam, Zeichen für Zeichen. Nach einer Weile ist der Tank leer – nicht weil das Kind nicht will, sondern weil es schon lange kämpft.
Wer einen schweren Rucksack trägt, läuft langsamer.
Nicht aus Faulheit.
Wie Eltern den Unterschied erkennen können
Ein einfaches, aber treffsicheres Beobachtungskriterium: Wie verhält sich das Kind in anderen Situationen?
Kinder mit einer allgemeinen Aufmerksamkeitsschwäche zeigen Schwierigkeiten überall – beim Miteinander – beim Zuhören, beim Gespräch. Sie verlieren beim Durchführen von Dingen den Faden, hören mitten im Gespräch auf zuzuhören, können sich kaum auf etwas einlassen.
Kinder mit Legasthenie sind oft ganz anders: Sie konstruieren ausdauernd, erzählen lebhaft, spielen, bauen, malen konzentriert. Nur beim Lesen und Schreiben bricht die Aufmerksamkeit ein – weil genau dieser Prozess so viel Kraft kostet.
Das ist kein Widerspruch. Es ist ein Hinweis.
„Haben wir etwas falsch gemacht?“
Diese Frage steckt in fast jedem ersten Elterngespräch – auch wenn sie nicht ausgesprochen wird. Zu wenig vorgelesen? Zu wenig geübt? Zu früh Druck gemacht? Zu spät reagiert?
Die klare Antwort: Legasthenie ist keine Erziehungsfrage. Sie entsteht nicht durch falsche Förderung oder mangelndes Vorlesen. Legasthenie hat eine neurobiologische Grundlage – das Gehirn verarbeitet Sprache, Laute und Schriftzeichen auf eine andere Weise. Das war so, bevor das Kind je einen Buchstaben gesehen hat.
Was Eltern beeinflussen können, ist die emotionale Atmosphäre rund ums Lesen. Wer Bücher liebt und das Kind entspannt daran herangeführt hat, hat etwas Gutes getan. Aber auch das verhindert keine Legasthenie.
Was viele nicht wissen: Legasthenie tritt familiär gehäuft auf. Wenn ein Elternteil selbst als Kind ähnliche Schwierigkeiten hatte, ist die Wahrscheinlichkeit erhöht. Das ist Biologie – keine Schuld.
„Das wächst sich raus“ – stimmt das?
Manchmal hören Eltern diesen Satz von Lehrern, Großeltern oder gut meinenden Freunden. Und manchmal stimmt er sogar: Leichte Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten in der ersten und zweiten Klasse können sich durch guten Unterricht und viel Übung legen. Das Gehirn ist in diesem Alter noch sehr formbar.
Bei einer ausgeprägten Lese-Rechtschreib-Strörung oder Legasthenie sieht das anders aus. Hier verändert sich die grundlegende Art der Sprachverarbeitung nicht von alleine. Was sich ohne gezielte Unterstützung ändert: Das Kind entwickelt Vermeidungsstrategien. Es zieht sich zurück, verliert den Glauben an sich selbst. Die Schwierigkeiten werden nicht kleiner – sie werden nur besser versteckt.
Wann Abwarten keine Strategie mehr ist
- Das Kind macht nach dem zweiten Schuljahr noch dieselben Fehlertypen: Lautverwechslungen, Auslassungen, instabile Wortbilder.
- Es meidet Lesen aktiv – oder hat vor dem Vorlesen Bauchschmerzen.
- Es verweigert sich zunehmend beim Schreiben und Lesen.
Das ist kein Trotz. Das ist ein Signal.
Der erste Schritt ist der wichtigste
Wer erkennt, dass bei seinem Kind mehr dahintersteckt als mangelnde Konzentration, hat bereits das Entscheidende getan: hingeschaut. Der nächste Schritt ist eine verlässliche Einschätzung – ohne Schuldgefühle und ohne Druck.
Lerntherapeutische Begleitung setzt dort an, wo Schule und Nachhilfe an ihre Grenzen stoßen: nicht am Stoff, sondern an der Verarbeitung. Das Ziel ist nicht nur, dass das Kind besser liest und schreibt. Es geht darum, dass es begreift: Das bin nicht ich, der versagt. Das ist mein Gehirn, das einen anderen Weg braucht.
Wenn Sie den Verdacht haben, dass Ihr Kind mehr Unterstützung braucht, als die Schule leisten kann: Ich biete Lerntherapie in der Vulkaneifel an – in Gillenfeld und Umgebung. Eine erste Einschätzung ist unkompliziert möglich.
Über die Autorin:
Sabrina Schock ist Lerntherapeutin in der Vulkaneifel und begleitet seit 2018 Kinder mit Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwierigkeiten.
Ihr Schwerpunkt liegt auf LRS, Legasthenie und Dyskalkulie sowie dem Verständnis der zugrunde liegenden Lernprozesse.
