Vergiss die Deutschnote: Das wahre Problem bei Legasthenie ist häufig ein anderes

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Die eigentliche Gefahr sind nicht die Rechtschreibfehler

Es gibt einen Moment, den viele Eltern von Kindern mit LRS oder Legasthenie kennen: Das Kind bekommt ein Diktat oder eine Deutscharbeit zurück und die schlechte Note darunter springt einen förmlich an. Dann kommen Gedanken, wie „Schon wieder eine 6“ „Wenn das nicht besser wird, wird’s auf dem Zeugnis wieder eine 5“…. Diese Notensorgen hängen wie ein grauer Schleier über dem ganzen Familienleben. Für das Kind ist diese Note schlimm, aber die schlimmste Folge zeigt sich oft nicht in der Deutschnote, nicht in der Anzahl der Rechtschreibfehler und auch nicht im Kommentar unter der Klassenarbeit.

Man sieht es oft erst dann, wenn Kinder anfangen, Sätze zu sagen wie:

„Ich bin eben dumm.“
„Die anderen können das alle besser.“
„Ich kann das eh nicht.“

Das Problem ist:

❗Die Deutschnote sieht jeder.
❗Die Fehler im Diktat sieht jeder.
❗Die roten Striche im Heft sieht jeder.

ABER: Das Kind sitzt nicht vor diesen Fehlern und denkt dabei über seine Rechtschreibung nach.

Kinder denken dann so Sachen wie: „Ich werde das nie können, ich bin dumm.“

Und genau deshalb ist die gefährliche Folge von Legasthenie oft nicht die Note im Zeugnis, sondern das Bild, das ein Kind eines Tages von sich selbst entwickelt.

Wenn Fehler zu Selbstzweifeln werden

Ich möchte an dieser Stelle keine Angst machen. Und ich möchte Eltern auch nicht verunsichern.
Die allermeisten Kinder mit Legasthenie entwickeln nicht automatisch schwerwiegende psychische Probleme.
Aber ich möchte für etwas sensibilisieren, das ich in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt habe.

Denn genau deswegen nehmen Fachleute die emotionalen Folgen von Legasthenie ernst. Weil wir wissen, was passieren kann, wenn ein Kind über Jahre hinweg nur noch seine Defizite sieht.

Es gibt nicht ohne Grund Kinder und Jugendliche, bei denen zusätzlich eine (drohende) seelische Behinderung festgestellt wird.
Nicht wegen der Rechtschreibfehler selbst! Sondern wegen der Auswirkungen, die diese Schwierigkeiten auf ihr gesamtes Leben haben können.

Das zeigt, wie wichtig es ist, dieses Thema nicht einfach abzutun mit: „Das wird schon.“ Oder: „Da muss er halt mehr üben.“

In meiner Arbeit als Lerntherapeutin habe ich viele Kinder begleitet, die genau so über sich gesprochen haben. Ein Junge ist mir dabei besonders in Erinnerung geblieben.

Es reichte manchmal schon, wenn ich sagte: „Bei diesem Wort sollten wir noch einmal genauer hinschauen.“
Sofort kam die Antwort: „Ja, ich bin eben dumm.“ Oder: „Ich bin eben ein blöder Schüler.“

Nicht einmal, nicht zweimal.

Immer wieder.

Und genau das ist der Punkt, über den wir viel häufiger sprechen müssten.

Denn die eigentliche Gefahr bei einer Legasthenie sind nicht die Fehler im Heft. Die eigentliche Gefahr entsteht dann, wenn ein Kind anfängt, diese Fehler auf sich selbst zu beziehen.

Wenn aus: „Ich habe einen Fehler gemacht.“ langsam wird: „Mit mir stimmt etwas nicht.“

Viele Eltern versuchen dann verständlicherweise sofort zu widersprechen.
„Nein, das stimmt doch gar nicht.“
„Du bist doch nicht dumm.“

Das ist gut gemeint. Aber oft kommt diese Antwort gar nicht mehr beim Kind an.

Denn das Kind diskutiert in diesem Moment nicht sachlich.

Wenn Sie solche Sätze von Ihrem Kind häufiger hören und unsicher sind, wie Sie damit umgehen können, kann eine Elternberatung helfen, die Situation gemeinsam einzuordnen.

Es beschreibt ein Gefühl. Und dieses Gefühl entsteht nicht aus dem Nichts.
Stellen Sie sich einmal vor, was ein solcher Fehler für ein Kind mit Legasthenie bedeuten kann.
Für Erwachsene ist ein Fehler oft einfach nur ein Fehler. Für viele betroffene Kinder ist er etwas ganz anderes.

👉 Wieder ein Misserfolg.

👉 Wieder ein Beweis dafür, dass es nicht reicht, obwohl sie oft ohnehin schon viel mehr üben als andere Kinder.

👉 Wieder eine Situation, in der andere etwas scheinbar mühelos schaffen, während man selbst kämpft.

👉 Wieder eine Bestätigung für etwas, das das Kind längst begonnen hat, über sich zu glauben.

„Die anderen können das.“
„Ich nicht.“
„Also muss ich wohl dumm sein.“

Das Selbstwertgefühl vieler Kinder leidet darunter erheblich.

Kinder müssen verstehen, was Fehler bedeuten

Genau deshalb finde ich übrigens den bekannten Spruch „Fehler sind Helfer“ offen gesagt ziemlich blöd.

Viele Erwachsene lieben diesen Satz. Man findet ihn auf Motivationskarten, auf Postern in Klassenräumen und denkt dabei, den Kindern auf absurde Art weiszumachen, dass sie ihren Fehlern für etwas dankbar sein sollen. Im Ernst! Wofür? Kinder verstehen diesen Spruch oft überhaupt nicht.
Wenn ein Kind gerade vor einem Fehler sitzt, erlebt es diesen Fehler nicht als Helfer.
Es erlebt Frust.
Unsicherheit.
Manchmal Scham.

Deshalb sage ich meinen Schülern häufig etwas anderes: „Eigentlich ist es doch super, dass dieser Fehler gerade passiert ist. Denn er zeigt, dass du gerade fleißig lernst. Wer keine Fehler macht, lernt nicht, sondern tut nur das, was er schon kann.“ Fehler gehören zu jedem Lernprozess dazu. Lernen bedeutet auszuprobieren, Fehler zu machen und daran zu wachsen. Deswegen müssen wir den Kindern nicht nur oberflächlich, sondern kindgerecht erklären, was Fehler bedeuten. Ganz ehrlich: Wenn ein Kind nach einer Stunde stolz sagt: „Ich habe heute fleißig gelernt!“ statt: „Ich habe heute viele Fehler gemacht!“ dann verändert das seinen Blick auf sich selbst. Obwohl beides eigentlich die dieselbe Situation beschreibt.

Dann verstehen Kinder auch, dass die Fehler eben einfach dazu gehören.

Manchmal bin ich sogar ein wenig frech, wenn ein Kind zu mir sagt: „Ich bin dumm.“ Dann antworte ich manchmal: „Das musst du mir erst mal beweisen.“

Und dann schauen wir gemeinsam auf die Aufgabe.

Ganz egal, ob das Wort am Ende richtig oder falsch geschrieben wird.

Allein der Versuch zeigt bereits, dass das Kind denkt, ausprobiert und Lösungen sucht. Darauf mache ich das Kind aufmerksam und erkläre ihm, dass genau das dumme Menschen nicht machen. Ganz ehrlich? Das hat schon so vielen Kindern ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

Ein Satz, der vielen Kindern ebenfalls hilft, lautet: „Du kannst es NOCH nicht.“

Dieses kleine Wort verändert unglaublich viel.
Noch nicht.
Nicht heute.
Aber vielleicht morgen.
Oder nächste Woche.
Oder nach vielen kleinen Schritten.

Denn Lernen ist kein Schalter. Lernen ist Entwicklung.

Und die Entwicklung benötigt Zeit.

Warum Legasthenie das Selbstbild so stark beeinflussen kann

Das größte Problem ist dabei, Lesen und Schreiben betreffen nicht nur das Fach Deutsch. Sie betreffen fast alle Schulfächer und ziehen sich durch das gesamte Leben:
Sachunterricht, Mathematik mit Textaufgaben, Geschichte, Biologie,…
Hausaufgaben.
Klassenarbeiten.
Vokabeln lernen.
Den Alltag.

Ein Kind kann diesen Schwierigkeiten kaum ausweichen.

Und genau deshalb erleben manche Kinder ihre Schwierigkeiten nicht nur als Schulproblem. Sondern eines Tages als persönliches Problem.

Umso wichtiger ist es, dass Kinder nicht nur Rückmeldungen zu ihren Fehlern bekommen. Sie brauchen auch die Erfahrung, dass ihre Anstrengung und ihre Fortschritte gesehen werden.

Hat Ihr Kind heute fünf Minuten länger durchgehalten als sonst? Hat es ein schwieriges Wort richtig geschrieben, das gestern noch falsch war? Hat es sich trotz Frust noch einmal an die Aufgabe gesetzt?

Dann sind das Erfolge, die Aufmerksamkeit verdienen.

Kinder entwickeln ihr Selbstvertrauen nicht durch gute Noten allein. Sie entwickeln es, wenn sie erleben: „Meine Anstrengung wird gesehen. Ich kann etwas dazulernen. Ich komme Schritt für Schritt voran.“

Mehr als nur Lesen und Schreiben lernen

Denn wenn Kinder dauerhaft nur noch erleben, was nicht klappt, dann hinterlässt das Spuren. Deshalb sollten wir nicht nur auf die Fehler schauen. Sondern auch auf das, was diese Fehler im Kind auslösen.

Genau deshalb gehört zu einer guten Lerntherapie für mich immer mehr als das reine Üben von Lesen, Schreiben oder Rechnen. Es geht auch darum, Kindern wieder zu zeigen, was sie können, Erfolgserlebnisse zu schaffen und ihnen Schritt für Schritt den Glauben an die eigenen Fähigkeiten zurückzugeben.

Die gefährlichste Folge von Legasthenie ist nicht die schlechte Deutschnote.
Nicht die Fünf im Diktat.
Nicht die rote Korrektur im Heft.

Die gefährlichste Folge ist, wenn ein Kind irgendwann fest davon überzeugt ist: „Ich bin dumm.“

Wenn Kinder solche Sätze sagen, dann steckt oft viel mehr dahinter als nur Frust über ein Diktat oder die Hausaufgaben. Dann zeigt sich, wie sehr die vielen Misserfolge bereits am Selbstwertgefühl nagen.

Sabrina Schock - Lerntherapeutin

Über die Autorin:

Sabrina Schock ist Lerntherapeutin in der Vulkaneifel und begleitet seit 2018 Kinder mit Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwierigkeiten.
Ihr Schwerpunkt liegt auf LRS, Legasthenie und Dyskalkulie sowie dem Verständnis der zugrunde liegenden Lernprozesse.

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