Unkonzentriert oder Legasthenie? Woran Sie den Unterschied erkennen

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Beim Lego-Bauen kann er stundenlang still sitzen. Ruhig, vertieft, ganz bei der Sache. Sobald das Lesebuch auf dem Tisch liegt, ist von dieser Ruhe nichts mehr übrig. Er rutscht auf dem Stuhl. Nimmt den Stift in die Hand, legt ihn wieder hin. Steht auf. Setzt sich wieder.

Viele Eltern kennen ein Kind, das genauso reagiert – vielleicht nicht beim Lego, aber bei irgendetwas, das mühelos gelingt. Und dann diese eine Beobachtung, die sich hartnäckig hält: Sobald Lesen oder Schreiben ins Spiel kommen, wird aus dem ruhigen Kind ein zappeliges.

Die naheliegende Erklärung: Mein Kind ist einfach unkonzentriert.

Mehr Disziplin hilft manchmal – und manchmal eben nicht

Die übliche Reaktion folgt auf dem Fuß: aufgeräumter Schreibtisch, weniger Ablenkung, klare Regeln. Bei manchen Kindern wirkt das. Bei anderen ändert sich trotzdem nichts. Der Schreibtisch bleibt aufgeräumt. Die Unruhe bleibt trotzdem.

Das ist der Moment, in dem es sich lohnt, genauer hinzuschauen – nicht auf das Verhalten selbst, sondern darauf, wann genau es auftritt.

Sieht aus wie Unkonzentriertheit, ist aber Erschöpfung

Legasthenie ist keine Aufmerksamkeitsstörung, auch wenn sie sich manchmal so anfühlt – für das Kind genau wie für die Eltern. Was von außen wie Zappeligkeit wirkt, ist häufig das Ergebnis einer einzigen, sehr anstrengenden Aufgabe: dem Entziffern von Buchstaben und Wörtern.

Jedes Wort verlangt volle Aufmerksamkeit, bevor der Inhalt überhaupt ankommt. Diese Anstrengung sieht man nicht, was viele Eltern verständlicherweise irritiert. Aber sie kostet Kapazität – Kapazität, die dann an anderer Stelle fehlt: für ruhiges Sitzen, für stille Hände, für Konzentration im weiteren Sinn.

Drei Beobachtungen sagen mehr als jede einzelne Situation

  • Ist Ihr Kind beim Spielen, Bauen oder Erzählen gut bei der Sache – nur nicht beim Lesen und Schreiben? Das spricht eher gegen ein allgemeines Aufmerksamkeitsproblem.
  • Zeigt sich die Unruhe vor allem in bestimmten Situationen, etwa beim Vorlesen oder beim Diktat? Auch das ist ein Hinweis, kein Zufall.
  • Bleibt die Leistung trotz Anstrengung wechselhaft – heute klappt ein Wort, morgen nicht? Das deutet eher auf eine instabile Verarbeitung hin als auf fehlenden Willen.

Keine Ausrede. Und kein Erziehungsfehler.

Das bedeutet nicht, dass Ihr Kind sich vor dem Lesen drücken will. Und es bedeutet auch nicht, dass zuhause zu wenig auf Ruhe und Struktur geachtet wurde. Es bedeutet, dass die Unruhe eine Folge ist – nicht die Ursache.

Handschriftliche Schreibprobe eines Kindes mit Bleistift und Radiergummi, ein Wort ist durchgestrichen statt ausradiert
Eine echte Schreibprobe aus dem Übungsalltag.

Beobachtung gibt Hinweise. Eine Analyse wird zum Wegweiser.

Eine einzelne Szene am Küchentisch reicht selten aus, um sicher zu unterscheiden, was hinter der Unruhe steckt. Verlässlicher ist eine fachliche Lernstandsanalyse, die genau zeigt, wo die Schwierigkeit tatsächlich ansetzt.

Es geht dabei nicht darum, ob Ihr Kind sich genug bemüht. Es geht darum, was diese Bemühung gerade kostet.

In meiner Praxis für Lerntherapie in der Vulkaneifel ist eine Lernstandsanalyse der erste Schritt, um genau das herauszufinden. Und wenn sich zeigt, wo die Anstrengung wirklich hingeht, sitzt Ihr Kind beim Lesen irgendwann genauso still wie beim Lego. Das ist selten Zufall.

Sabrina Schock - Lerntherapeutin

Über die Autorin:

Sabrina Schock ist Lerntherapeutin in der Vulkaneifel und begleitet seit 2018 Kinder mit Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwierigkeiten.
Ihr Schwerpunkt liegt auf LRS, Legasthenie und Dyskalkulie sowie dem Verständnis der zugrunde liegenden Lernprozesse.

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